Apr 272020
 

Eine Kunstperformance über Abstand und Nähe
in Zeiten von Corona

Einsfünfzig“ lautete der Titel einer Kunstperformance mit Juliane Langer auf dem Karlsruher Schlossplatz Mitte April. Im Mittelpunkt stand die Mindestabstandsregelung in Zeiten der Corona-Pandemie. Ziel der Aktion war es, die Distanz von ein Meter fünfzig im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Als Abstandshalter dienten vier Bambusstäbe in entsprechender Länge und ein rotes Seil.

Einsfünfzig 1
Einsfünfzig 1

Die Verordnung der baden-württembergischen Landesregierung, „wo immer möglich, einen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten“, klingt erst einmal lapidar. Jedes Schulkind weiß in etwa, wieviel ein Meter ist, „Einsfünfzig“ sind da eben noch ein paar Zentimeter mehr. Tatsächlich aber fehlt uns im Alltag eine exakte Vorstellung für Abstände, wir gehen eher gefühlsmäßig mit Nähe und Distanz um. Wie selbstverständlich versuchen wir Abstände zu Menschen einzunehmen, dabei bestimmen Faktoren wie Raumsituation und Beziehungsebene unser Distanzverhalten.

Einsfünfzig 4
Einsfünfzig 4

Soweit scheint alles klar zu sein: „Einsfünfzig“ bedeuten einfach etwas mehr Abstand als normal einzuhalten. Beim Nachmessen mit dem Zollstock war ich doch etwas überrascht: Meine gefühlten „Einsfünfzig“ waren bestenfalls ein Meter, wenn überhaupt.

Sicherheitsabstand

In unserer Kunstperformance auf dem Karlsruher Schlossplatz – ganz in der Nähe des „Platzes der Grundrechte“ und vor dem Karl-Friedrich-Denkmals – visualisierten wir den angeordneten Sicherheitsabstand und die neuen Grenzen zwischen Menschen. Wir zeichneten einen Kreis mit einem Radius von „Einsfünfzig“ auf den Schotterboden. Zur besseren Sichtbarkeit legten wir ein rotes Seil in diesen Kreis. Darüber hinaus hielt Juliane Langer vier 1,5 Meter lange Bambusstöcke, die jeweils in der Mitte verbunden waren, in die Höhe. Passanten wurde so signalisiert, dass hier die gebührende Distanz einhalten werden muss.

Einsfünfzig 3
Einsfünfzig 3

Die Aktion machte uns deutlich, dass 1,5 Meter Abstand eine größere Distanz ist als gedacht. Vor allem aber: „Einsfünfzig“ ist keinesfalls nur eine Distanz. „Einsfünfzig“ bedeutet auch einen Raum, der um jeden einzelnen herum entsteht: Ein Kreis mit dem Radius von „Einsfünfzig“ hat immerhin einen Umfang von 9,425 Metern und eine Fläche von 7,069 Quadratmetern. „Einsfünfzig“ definiert also gleichsam einen kleinen Wohnraum, ein Territorium. Zum Vergleich: Die Einzelhafträume in deutschen Gefängnissen sind etwa acht bis zehn Quadratmeter groß. Und in der inzwischen gestrichenen DIN- Norm 18011 von 1967, in der Mindestanforderungen für den öffentlich geförderten Wohnungsbau festgelegt wurden, schien für Kindern ein Raum von etwa. 7,40 Quadratmeter als passend.

Einsfünfzig 8
Einsfünfzig 8

Zugleich spürten wir mit unserer Kunstperformance am eigenen Leib, wie fern sich „Einsfünfzig“ anfühlen, wenn man mit einer vertrauten Person unterwegs ist. Die Unmittelbarkeit scheint mit jedem Zentimeter mehr verloren zu gehen. Zugleich wurde uns klar, dass in vielen Alltagssituationen nur scheinbar der geforderte Sicherheitsabstand eingehalten wird. Weil er in dieser Exaktheit unsere inneren Maßstäbe durcheinander bringt, uns offensichtlich fremd ist und zumindest Freunde auch spürbar zu Fremden macht.

Distanzzonen

Moritz Freiherr von Knigge, Nachfahre des Aufklärers Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), schreibt über den „richtigen Abstand“: „In unserem Kulturkreis kommunizieren wir […] normalerweise in einer Distanz von einem halben Meter. Wenn wir mit Menschen kommunizieren, die uns nahe stehen. Je fremder uns Menschen sind, desto größer wird auch der Abstand zwischen uns: bis zu einem Meter. Kennen wir die Menschen in unserer Nähe gar nicht, halten wir größere Abstände.“ Im öffentlichen Raum, so heißt es weiter, lassen sich diese Abstände nur schwer einhalten: „Ein überfüllter Regionalexpress, eine Fußgängerzone, in der Weihnachtszeit oder eine Warteschlange im Supermarkt können es uns schwer machen unsere gewünschte Distanzzonen aufrecht zu erhalten“ (https://www.freiherr-knigge.de).

In der Fachliteratur wird von „Proxemik“ gesprochen. Der von dem amerikanischen Anthropologen E. T. Hall eingeführt Begriff stammt aus dem Lateinischen, „proximare“ wird mit „sich annähern“ übersetzt. In seinem Werk „The Hidden Dimension“ (1966) beschreibt Hall die je nach Kulturkreis verschieden großen räumlichen Abstände, die Menschen zulassen bzw. gegen „Eindringlinge“ auf verschiedene Weisen zu schützen versuchen (https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_T._Hall).

Einsfünfzig 7
Einsfünfzig 7

Probefeld

Ein Probefeld für approximative „Einsfünfzig“ könnte auch die seit dem 28. April 2020 gültige Neuregelung der Straßenverkehrsordnung (StVO) sein. Dort heißt es: Ein Abstand von mindestens 1,5 Meter innerhalb und 2 Meter außerhalb von Ortschaften muss von Kraftfahrzeugen „beim Überholen von Radfahrern und Elektrokleinstfahrzeugen eingehalten werden“. Nur zu gut erinnere ich mich an die orangefarbenen Abstandshalter an Fahrräder. Länge: 31,5 Zentimeter! Und man war schon froh, wenn dieser Abstand eingehalten wurde.

Einsfünfzig 6
Einsfünfzig 6

Der korrekte Corona-Abstand, den wir mit unserer Performance sichtbar machten und einforderten, war auf dem weiten Karlsruher Schloss sehr leicht einzuhalten. Im Alltag aber fehlt die Erfahrung mit „Einsfünfzig“. Die Abstandsregelung umgesetzt in einer belebteren Fußgängerzone oder auch in einem Büro würde sicherlich auf Verwunderung, möglicherweise sogar auf Widerstand stoßen.

Die neue zwischenmenschliche Distanz muss wohl noch eingeübt werden.

Die etwa einstündige Performance wurde am 18. April 2020 gemeinsam von der Publizistin und Theaterwissenschaftlerin Juliane Langer (Karlsruhe) und dem Öffentlichkeitsreferenten und Konzeptkünstler Ralf Stieber (Karlsruhe) auf dem Karlsruher Schlossplatz veranstaltet. Weitere Aktionen sind geplant.

Ralf Stieber, Karlsruhe, den 27. April 2020

 27. April 2020  No Responses »
Aug 192019
 
Rosa Streets leading to nowhere
Ralf Stieber: Rosa Streets leading to nowhere (Collage 2019)

Unter dem Titel „Collage und die Konstruktion von Welten“ veranstaltete der 1971 geboren in Albertslund geborene Jakob Kolding einen Workshop in der Sommerakademie Salzburg. Der Titel war für mich eine Verheißung. Und er versprach nicht zu viel: In der Begegnung mit anderen Künstlern wurde mir deutlich, wie vielfältig collagierte Welten sein können und wie unterschiedlich Welt konstruiert werden kann. Besonders dann, wenn man vermeintlich einen gemeinsamen Ausgangspunkt hat: die Collage.

Doch die Collage ist, wie mir inzwischen scheint, Ausdruck von Vielfalt schlechthin. Sie kann sich des Bildes und der Worte bedienen, sie kann den Materialmix bevorzugen oder Papier und Schere, sie erschließt sich analog und digital.

Die Leichtigkeit, mit der Jakob Kolding und seine beiden Assistentinnen Anna Pech und Lisa Wieder den Workshop leiteten, war vorbildlich. So konnten die rund 20 Teilnehmenden den eigenen Zugang zur Collage jeder auf seine Weise schärfen, im Unterschied oder in Beziehung zu den Arbeiten der anderen. Und all dies als höchst bereichernd zu erfahren.

Besonders die Idee, die Collage und den Raum zu verbinden, war für mich eine wichtige Anregung, oder besser: eine Brücke zwischen verschiedenen Kunstwelten, die zuvor nebeneinander her existieren. Das gilt übrigens auch für die Beziehung von Worten und Bildern.

Als Ergebnis meiner eigenen Arbeit zeige ich „Rosa Streets leading to nowhere“ – merkwürdigerweise habe ich das Gefühl, dass mich diese Collage keineswegs ins Off leitet, im Gegenteil.

Mehr zu Jakob Kolding u.a. unter https://www.martinjanda.at

 19. August 2019  No Responses »
Mai 012018
 

„Sieben Tage, sieben Schwarz-Weiß-Fotos aus deinem Leben. Keine Menschen, keine Erklärung(en). Nominiere jeden Tag eine weitere Person.“ #7tage7fotos: Ich habe auf Twitter an der Aktion teilgenommen, aber niemanden nomiert. Die vollständigen Spielregeln fehlten mir. Vielleicht sollte ich noch mal von vorne beginnen?

Hier jedenfalls die sieben unkommentierten und von niemanden als mir selbst nominierten Schwarzweiß-Fotos aus meinem Leben.

 

 

 1. Mai 2018  No Responses »
Okt 292017
 

Luther auf dem Petersplatz in Rom

Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautete, könnte zum Abschluss des Reformationsjubiläums eine 50 m hohe Martin-Luther-Statue auf dem Petersplatz in Rom aufgestellt werden. Die Bronze-Statue sei „als ein Zeichen für die Überwindung konfessioneller Gräben und Grenzen“ gedacht. Im Netz kursieren inzwischen Fotos von einem Modell der gigantischen Statue mit dem Petersdom im Hintergrund. 

Hinter entsprechenden Meldungen stehen vermutlich zwei neue Bürgerinitiativen. Während die eine „Reformation kennt keine Schranken“ proklamiert, schreibt sich die andere „Luther war katholisch“ auf ihre Fahnen. Angesichts der ungewissen Quellenlage muss leider offen bleiben, ob es sich bei alledem um Fakten oder Fakenews handelt.

Zudem gibt es noch keine Antwort auf die Frage, was mit dem ägyptischen Obelisk geschehen wird, der bislang anstelle des Reformators auf dem Petersplatz steht.

 29. Oktober 2017  No Responses »
Jul 182017
 

Ein Papierzaun am Meer. Nicht wetterbeständig. Von Weideruten gehalten. Der Witterung ausgesetzt. Schattenspiele auf dem Papier. Mit groben Strichen festgehalten. Notationen eines Bewegungsverlaufs, Aufzeichnung des Lichteinfalls. Dies umschreibt das Setting meines Projekt „Be-Entgrenzungen“.

Im Halbjahresprogramm August 2017  bis Januar 2018 der Evangelischen Akademie der Nordkirche kann ich einige Fotos der „Sea-Art“ meines Land- und Sea-Art-Projektes „Be- und Entgrenzungen“ zeigen.

Im Innenteil des Programms werden Aspekte des Projektes auf unsere heutige Zeit übertragen. Es heißt dort: „Das Thema ‚Grenzen‘ ist ein zentraler Topos unserer Zeit: Die Briten wählten den Brexit. Donald Trump hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Viele wollen Grenzen – Globalisierung und Migration überschreiten sie.“

Dieser zeitgeschichtlichen Relevanz meines Projektes mag ich nicht widersprechen. Dennoch möchte ich es nicht auf diesen Aspekt verkürzt wissen. Denn es ist in einem ausgesprochen offenen Kontext entstanden. Es will sich nicht vereindeutigen lassen. „Be-Entgrenzungen“ brauchen Ambiguität, damit sie in meinen Augen Bestand haben. Zugleich aber wird deutlich: Bilder haben Symbolkraft. Sie können immer auch gesellschaftliche Phänomene in Szene rücken und zugleich abstrahieren.

An diesem Punkt wird Land- und Sea-Art grenzüberschreitend gesellschaftspolitisch.

 

Mehr zu dem Land- und Sea-Art-Projekt „Be- und Entgrenzungen“

Hier einige Einlassungen von meiner Seite zu dem Projekt.

Gewachsene Pflanzenwelt, gepflegt. Nutzbar und wild zugleich. Rosen, Himbeeren, Holunder, Disteln. Ein Garten. Mit Ausblicken in den nahen Auenwald. Pappeln und Weiden. Irgendwo. Im Norden. Meeresnähe. Spätsommer, still. Nur selten gestörte Idylle. Locus amoenus. Oder gar ein hortus conclusus. Hinter hohen Hecken verborgen.

Mitten durch den Garten ein Papierzaun. Zeitungspapier. Nicht wetterbeständig. Von Weidenruten gehalten. Dem Wetter ausgesetzt. Regen und Wind. Schattenspiele auf dem Papier. Mit groben Strichen festgehalten. Notation eines Bewegungsverlaufs, Aufzeichnung des Lichteinfalls. John Cage auf Zeitungspapier. Zugleich ein Strichcode, eine Schrift, im Moment entstanden, impulsiv und emotional: eine Beschreibung des inneren Gartens. Wenn du die Augen schließt, kannst du die Stille hören.

Der Zaun begrenzt, teilt den Garten in Räume. Zeiträume. Teilt die Zeit. Davor und danach, dahinter und davor. Kunst und Natur. Verknüpfung von Kunst und Natur. Land-Art.

Später am Meer das gleiche Schauspiel. Jetzt Meeresgarten. Jetzt Meereszaun. Meeresbegrenzung: Salz und Schallfänger. Das Papier fängt den Gesang der Wellen auf. Salzgeschmack auf den Lippen. Da ist das Land, dort das Meer. Dazwischen Begrenzung. Steine. Sand. Sea-Art.

Begrenzung oder Entgrenzung? Papierzäune sind leicht. Sind durchlässige Zäune. Sie beschreiben eine Grenze, sind aber nicht wirklich Grenze. Eher umschreiben sie Entgrenzungen, öffnen statt zu versperren und zu begrenzen. Denn stets ist der Himmel nah

 

 

 18. Juli 2017  No Responses »