Mai 202013
 

Heilig: Chiffren aus Rinde

3 SW-Fotografien aus der Serie „Baumchiffren“ kontrastiert durch 2 SW-Fotographien aus der mehrteiligen Serie „Stationenweg“.

Die Schwarzweiß-Fotografie abstrahiert, rückt Rindenstruktur und Bildhauerei in die Nähe, macht zugrundeliegende Strukturen und Chiffren sichtbar. Rinde verwandelt sich in Kunst, und die Formensprache der Kunst offenbart bei näherer Betrachtung große Nähe zur Natur. Es hat den Anschein, als gäbe es einen gemeinsamen Nenner, so etwas wie eine unterschwellige gemeinsame (Bild-)Sprache. Schwarzweiß-Fotografie ermöglicht diese Perspektive: die Objekte lösen sich auf, verlassen ihren Kontext, verändern ihre Gestalt je nach Sichtweise und Blickwinkel.

Wahrnehmung von Fotografien kann über sich hinausgehen, zur Bildmeditation werden. Ob man so weit gehen will, in den gezeigten Bildern „Heiliges“ zu erspüren, sei jedem selbst überlassen. Der Titel „Heilig“ jedenfalls versteht sich als Impuls, diesen Schritt zu wagen. Die Zusammenschau von Baumchiffren und Ausschnitten eines Stationenwegs verwandelt Fotografie gleichsam in eine neue Form der Hagiographie (griech. hagion „heilig“ und  graphein ritzen, schreiben, zeichnen“):

„Die Mitte jeder hagiographischen Erzählung ist die Begegnung eines Menschen mit Gott. Hagiographien haben in allen didaktischen Prozessen eine herausragende Bedeutung, weil hier von glaubwürdigen Gotteserfahrungen im biographischen Kontext anschaulich und erfahrungsbezogen gesprochen wird. Hagiographisches Erzählen richtet den Blick auf religiöse Schlüsselerfahrungen und führt daher immer zu letzten Fragen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit.“ (Siehe: Anregungen für eine Pädagogik des Heiligen, in Uwe Wolff , Walter Nigg und sein Weg zur Hagiographie, Freiburg/Schweiz 2007, S. 364ff.)

 

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Mai 192013
 

8 Schwarzweiß-Fotografien – Dokumentation einer Wald-Performance

Wald – Tanz – Bewegung  lässt den Fotografen Teil seiner Arbeit werden: er inszeniert sich im selbst geschaffenen Kunstraum, wird als handelndes Subjekt Teil des Kunstobjekts. Der Wald ist die Bühne, das zunächst beliebig erscheinende Setting für die Performance. Die festgehaltenen Bewegungen sind Kunst. Aber nicht nur: sie sind auch Meditation, Sammlung, Kult. Der amerikanische Fotograf Minor White (1908-1976) dazu:“I seek out places where it can happen more readily, such as deserts or mountains or solitary areas, or by myself with a seashell, and while I’m there get into states of mind where I’m more open than usual. I’m waiting, I’m listening. I go to those places and get myself ready through meditation. Through being quiet and willing to wait, I can begin to see the inner man and the essence of the subject in front of me… Watching the way the current moves a blade of grass – sometimes I’ve seen that happen and it has just turned me inside out.“ (Aus: Minor White, Interviews With Master Photographers : Minor White, Imogen Cunningham, Cornell Capa, Elliott Erwitt, Yousuf Karsh, Arnold Newman, Lord Snowdon, Brett Weston by James Danziger).

Darüber hinaus wird ein Aspekt der Kunst-Inszenierung deutlich, den der Kulturgeschichtler Prof. Dr. Thomas Macho (Berlin) in dem sehr lesenswerten Aufsatz „Mit sich allein. Einsamkeit als Kulturtechnik“ beschreibt: „Worin bestehen die Techniken der Einsamkeit? Sie lassen sich ganz allgemein als „Verdoppelungstechniken“, als Strategien der Selbstwahrnehmung, charakterisieren. Wer nicht einfach bloß von allen Menschen verlassen wird (was gewöhnlich zum Tod führt), sondern seine „Verlassenheit“ überlebt, bewältigt und gestaltet, inszeniert irgendeine Art von Beziehung zu sich selbst. Indem er seine Einsamkeit perzipiert, ohne verrückt zu werden, spaltet er sich zumindest in zwei Gestalten auf: als ein Wesen, das mit sich allein, – und daher eigentlich „zu zweit“ – ist.“ (Aus: Thomas Macho: Mit sich allein. Einsamkeit als Kulturtechnik, in: Aleida und Jan Assmann (Hrsg): Einsamkeit. Archäologie der literarischen Kommunikation VI, München (Wilhelm Fink) 2000, 27-44.). In diesem Sinne wird Kunst zur Gegenbewegung gegen die Einsamkeit, zum Kommunikationsmittel mit sich und im Fall der Fotograf über die Ausstellung mit anderen.

Und der Wald wird zum Rückzugsort, zum Ort der Besinnung und Einübung von inszenierter Einsamkeit. Macho dazu: „Die Einsamkeitsorte zeichnen sich gewöhnlich nicht nur durch die Abwesenheit von Menschen aus, sondern auch durch ihre Einförmigkeit und Homogenität: Wüsten, Meere, Wälder, Steppen oder Schneefelder bilden (zumindest auf den ersten Blick) monotone Umgebungen, in denen man sich leicht verirren kann. Aber just diese Gleichförmigkeit begünstigt die Erscheinung der Dämonen, der Gestalten des „großen Anderen“, der Engel und Genien: in dieser Hinsicht fungiert die Einöde wie jeder flache Stein, wie eine Tafel aus Ton oder Wachs, wie Leinwand, Papyrus oder ein Blatt Papier. Der Einsamkeitsort gestattet gerade durch seine an Unterschieden arme Erscheinung die vielfältigsten, buntesten Auftritte von Bedeutungen und Symbolen, die – gewissermaßen als Zeichen auf einer anonymen Oberfläche, als Schauspieler in der Arena – ihren semantischen Glanz vor einer neutralen Bühne steigern.“

Originalität und Authentizität zeichnen „Wald – Tanz – Bewegung“ aus: der Einzelne wird zum Individuum, indem er sich am Einsamkeitsort inszeniert. Die Fotografie wird dafür zum Beweis bzw. umgekehrt: den Fotografien wird Originalität und Authentizität übertragen.

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