Apr 302020
 
Einsfuenfzig - Kunstperformance Teil 3

Corona-Kreisabstand

Teil drei unserer Kunstperformance „Einsfünfzig“ fand vor dem Karlsruher Schloß und in der Fußgängerzone Karlsruhe statt. Die magischen 1,5 Meter in Zeiten von Corona markierten wir diesmal augenfällig mit einem Reifen, der mit Absperrband bespannt war. Juliane Langer trug diesen Abstandsreifen wie einen vertrauten Schutzraum mit sich, trotz des teilweise hefigen Windes. Ich selbst benutzte wieder eine der Bambusstangen in der Länge von 2 x 1,5 Metern als Abstandhalter.

Wir beide trugen einen Mundschutz, wie er seit Montag in Baden-Württemberg beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht ist. Die Maskierung machte die außergewöhnliche Situation noch einmal mehr präsent.

Den Teil der Performance vor dem Schloß hielt ich fotografisch fest. Der andere Teil in der Fußgängerzone wurde von Baden TV mit einem Video dokumentiert. Wir wollen aber nach Möglichkeit diesen Teil noch einmal für Fotos wiederholen.

Anders als bei den vorangegangen Aktionen suchten wir diesmal bewusst der Kontakt mit Passanten. Einige reagierten mit Kopfschütteln. Doch die meisten wussten, dass es sich um das Thema „Mindestabstand“ dreht. Erstaunte Blicke, Lächeln und Stirnrunzeln wechselten sich ab. Natürlich wurde die Performance nicht immer als Kunst erkannt, sondern eher als zusätzliche Störung in schwierigen Zeiten.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 30. April 2020

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Apr 292020
 
Einsfünfzig - Teil 2

Längenmessung – Ein Youtube-Clip

Was bedeuten ein Meter fünfzig Abstand in Zeiten von Corona? Die Kunstperformance in der Reihe „Einsfünfzig“ lotet Abstände aus. Einmeterfünfzig lange Bambusstäbe mit rotem Absperrband an den Enden machen den Distanzraum sichtbar. So entsteht ein Raum mit immerhin mehr als sieben Quadratmetern, wie sich aus dem Radius einsfünfzig errechnen lässt.

Die Bambusstäbe sind beweglich, drehen sich mit dem Wind und beim Gehen. Mal in die eine, dann in die andere Richtung. Der Umfang wird mit gefühlten 150 Topftrommelschlägen und 150 Schritten vermessen. Spieldauer des Clips: 1:50, nicht von ungefähr.

Die Aktion im Garten auf dem Land fernab der Stadt war der zweite Teil der Performance „Einsfünfzig“ auf dem Karlsruher Schlossplatz. Wer mag, kann sie aber auch als lärmende Protestaktion, als Cacerolazo lesen. Und als aktiven Kunst-Widerstand gegen die Corona-Pandemie. Bevor der ultimative Corona-Impfstoff gefunden ist.

Ralf Stieber, Karlsruhe, den 29. April 2020

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Apr 272020
 

Eine Kunstperformance über Abstand und Nähe
in Zeiten von Corona

Einsfünfzig“ lautete der Titel einer Kunstperformance mit Juliane Langer auf dem Karlsruher Schlossplatz Mitte April. Im Mittelpunkt stand die Mindestabstandsregelung in Zeiten der Corona-Pandemie. Ziel der Aktion war es, die Distanz von ein Meter fünfzig im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Als Abstandshalter dienten vier Bambusstäbe in entsprechender Länge und ein rotes Seil.

Einsfünfzig 1
Einsfünfzig 1

Die Verordnung der baden-württembergischen Landesregierung, „wo immer möglich, einen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten“, klingt erst einmal lapidar. Jedes Schulkind weiß in etwa, wieviel ein Meter ist, „Einsfünfzig“ sind da eben noch ein paar Zentimeter mehr. Tatsächlich aber fehlt uns im Alltag eine exakte Vorstellung für Abstände, wir gehen eher gefühlsmäßig mit Nähe und Distanz um. Wie selbstverständlich versuchen wir Abstände zu Menschen einzunehmen, dabei bestimmen Faktoren wie Raumsituation und Beziehungsebene unser Distanzverhalten.

Einsfünfzig 4
Einsfünfzig 4

Soweit scheint alles klar zu sein: „Einsfünfzig“ bedeuten einfach etwas mehr Abstand als normal einzuhalten. Beim Nachmessen mit dem Zollstock war ich doch etwas überrascht: Meine gefühlten „Einsfünfzig“ waren bestenfalls ein Meter, wenn überhaupt.

Sicherheitsabstand

In unserer Kunstperformance auf dem Karlsruher Schlossplatz – ganz in der Nähe des „Platzes der Grundrechte“ und vor dem Karl-Friedrich-Denkmals – visualisierten wir den angeordneten Sicherheitsabstand und die neuen Grenzen zwischen Menschen. Wir zeichneten einen Kreis mit einem Radius von „Einsfünfzig“ auf den Schotterboden. Zur besseren Sichtbarkeit legten wir ein rotes Seil in diesen Kreis. Darüber hinaus hielt Juliane Langer vier 1,5 Meter lange Bambusstöcke, die jeweils in der Mitte verbunden waren, in die Höhe. Passanten wurde so signalisiert, dass hier die gebührende Distanz einhalten werden muss.

Einsfünfzig 3
Einsfünfzig 3

Die Aktion machte uns deutlich, dass 1,5 Meter Abstand eine größere Distanz ist als gedacht. Vor allem aber: „Einsfünfzig“ ist keinesfalls nur eine Distanz. „Einsfünfzig“ bedeutet auch einen Raum, der um jeden einzelnen herum entsteht: Ein Kreis mit dem Radius von „Einsfünfzig“ hat immerhin einen Umfang von 9,425 Metern und eine Fläche von 7,069 Quadratmetern. „Einsfünfzig“ definiert also gleichsam einen kleinen Wohnraum, ein Territorium. Zum Vergleich: Die Einzelhafträume in deutschen Gefängnissen sind etwa acht bis zehn Quadratmeter groß. Und in der inzwischen gestrichenen DIN- Norm 18011 von 1967, in der Mindestanforderungen für den öffentlich geförderten Wohnungsbau festgelegt wurden, schien für Kindern ein Raum von etwa. 7,40 Quadratmeter als passend.

Einsfünfzig 8
Einsfünfzig 8

Zugleich spürten wir mit unserer Kunstperformance am eigenen Leib, wie fern sich „Einsfünfzig“ anfühlen, wenn man mit einer vertrauten Person unterwegs ist. Die Unmittelbarkeit scheint mit jedem Zentimeter mehr verloren zu gehen. Zugleich wurde uns klar, dass in vielen Alltagssituationen nur scheinbar der geforderte Sicherheitsabstand eingehalten wird. Weil er in dieser Exaktheit unsere inneren Maßstäbe durcheinander bringt, uns offensichtlich fremd ist und zumindest Freunde auch spürbar zu Fremden macht.

Distanzzonen

Moritz Freiherr von Knigge, Nachfahre des Aufklärers Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), schreibt über den „richtigen Abstand“: „In unserem Kulturkreis kommunizieren wir […] normalerweise in einer Distanz von einem halben Meter. Wenn wir mit Menschen kommunizieren, die uns nahe stehen. Je fremder uns Menschen sind, desto größer wird auch der Abstand zwischen uns: bis zu einem Meter. Kennen wir die Menschen in unserer Nähe gar nicht, halten wir größere Abstände.“ Im öffentlichen Raum, so heißt es weiter, lassen sich diese Abstände nur schwer einhalten: „Ein überfüllter Regionalexpress, eine Fußgängerzone, in der Weihnachtszeit oder eine Warteschlange im Supermarkt können es uns schwer machen unsere gewünschte Distanzzonen aufrecht zu erhalten“ (https://www.freiherr-knigge.de).

In der Fachliteratur wird von „Proxemik“ gesprochen. Der von dem amerikanischen Anthropologen E. T. Hall eingeführt Begriff stammt aus dem Lateinischen, „proximare“ wird mit „sich annähern“ übersetzt. In seinem Werk „The Hidden Dimension“ (1966) beschreibt Hall die je nach Kulturkreis verschieden großen räumlichen Abstände, die Menschen zulassen bzw. gegen „Eindringlinge“ auf verschiedene Weisen zu schützen versuchen (https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_T._Hall).

Einsfünfzig 7
Einsfünfzig 7

Probefeld

Ein Probefeld für approximative „Einsfünfzig“ könnte auch die seit dem 28. April 2020 gültige Neuregelung der Straßenverkehrsordnung (StVO) sein. Dort heißt es: Ein Abstand von mindestens 1,5 Meter innerhalb und 2 Meter außerhalb von Ortschaften muss von Kraftfahrzeugen „beim Überholen von Radfahrern und Elektrokleinstfahrzeugen eingehalten werden“. Nur zu gut erinnere ich mich an die orangefarbenen Abstandshalter an Fahrräder. Länge: 31,5 Zentimeter! Und man war schon froh, wenn dieser Abstand eingehalten wurde.

Einsfünfzig 6
Einsfünfzig 6

Der korrekte Corona-Abstand, den wir mit unserer Performance sichtbar machten und einforderten, war auf dem weiten Karlsruher Schloss sehr leicht einzuhalten. Im Alltag aber fehlt die Erfahrung mit „Einsfünfzig“. Die Abstandsregelung umgesetzt in einer belebteren Fußgängerzone oder auch in einem Büro würde sicherlich auf Verwunderung, möglicherweise sogar auf Widerstand stoßen.

Die neue zwischenmenschliche Distanz muss wohl noch eingeübt werden.

Die etwa einstündige Performance wurde am 18. April 2020 gemeinsam von der Publizistin und Theaterwissenschaftlerin Juliane Langer (Karlsruhe) und dem Öffentlichkeitsreferenten und Konzeptkünstler Ralf Stieber (Karlsruhe) auf dem Karlsruher Schlossplatz veranstaltet. Weitere Aktionen sind geplant.

Ralf Stieber, Karlsruhe, den 27. April 2020

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Apr 172020
 

Einst hatte ich vor, hier regelmäßig Worte und Bilder zu posten. Zu zeigen, was ist. Und was nicht. Dann aber überfiel mich eine Art digitaler Müdigkeit. Bleiern. Vielleicht auch eine unendliche Langeweile, die mich angesichts der digitalen Plüschkultur erfasste.

Und gleichzeitig verspürte ich einen große Hang zum analogen Sein. Ganz Corpus zu sein, leiblich zu sein, zu tun und zu handeln, nicht erst etwas verkörpern zu müssen. Verbunden mit einen Hang, einer Sehnsucht nach der Natur. Rousseau hätte sich sicherlich gefreut darüber und die Fische in Thoureaus Walden Pont würden Freundensprünge machen.

In Zeiten der Aussperrung wird mir indessen die Nützlichkeit der sekundären Digitalwelten deutlich. Fast hat es den Anschein, als wäre das Digitale der Rettungsschirm, der uns vor dem Absturz in den Orkus rettet. Tatsächlich frage ich mich, ob die Begeisterung für digitale Menschheitsszenarien in Zeiten von Corona am Ende auch wieder nur das inhumane Lärmen und Rauschen im Weltall verstärken wird.

Die Hoffnung, die Digitalisierung sei die passende Antwort auf die Probleme unserer Zeit, entspringt möglicherweise auch wieder nur jenem Höher-schneller-weiter, das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Dennoch: ab und an will ich hier wieder auf dem Posten sein und etwas posten. Nicht als Antwort auf meine eigenen Fragen, sondern Im Sinne eines Fragekatalogs, gelegentlich auch mit einem Lächeln.

 17. April 2020  No Responses »