Mrz 182015
 
Mutationen 1-4

Mutationen 1-4

Mutationen 5-8

Mutationen 5-8

Bin ich ein Tulpenfreund, ein Tulpenliebhaber oder gar ein Tulipanist? Bist vor kurzem schlummerte diese Neigung eher im Verborgenen.

Neulich aber, an der Aldi-Kasse, blühte sie völlig unerwartet in mir auf:  Tulpensträuße warteten dort auf mich, preiswert, in unterschiedlichen Farben. Ein Farbkleks auf dem Esstisch kann nie schaden, dachte ich und nahm einen Strauß mit nach Hause. Noch waren die Tulpenkelche verschlossen. Im warmen Zimmer öffneten sie sich jedoch bald. Und ebenso schnell verblühten sie auch bald. Ich muss zugeben, dass ich eine kurze, nicht sonderlich tiefe Freude an den Tulpen empfand. Nach einer Woche standen sie schon welk in der Vase …

Doch just in diesem Moment entstand meine Tulpenleidenschaft: Ich entdeckte die zarte Anmut der welken Blütenblätter … die Tulpe war gerade auch jetzt noch immer „schöner als Salomonis Seide“, wie Paul Gerhardt in seinem Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ über Narzissus und die Tulipan schreibt.

Ob der Markgraf von Baden auch an der Aldi-Kasse Schnittblumen gekauft hätte, wage ich ich zu bezweifeln. Er hatte wohl eher Freude, den Tulpen in seinem Schlossgarten beim Wachsen zuzusehen … Damals waren Tulpenzwiebeln noch ein Luxusobjekt … Hast du Tulpen, bist du wer. Ich jedoch konnte die Tulpen für kleines Geld en passent beim Discounter pflücken, nicht einmal bücken musste ich mich.

Tatsächlich hat sich bei mir dank Aldi tatsächlich eine gewisse Tulpenpassion entwickelt, die der Begeisterung des Markgrafen kaum nachsteht. Ich werde werden in nächster Zeit immer wieder einmal Tulpen kaufen und ihnen beim Verbühen zusehen. Und die aufregende Verwandlung der Tulpen in Salomonis Seide fotografisch festhalten. Ich habe den Eindruck, dass der Schimmer auf den Blütenblättern gerade im welken Zustand am augenfälligsten ist.

Die „Mutationen 1-4“ und 5-8 sind eine Tulpen-Hommage an den Paul Gerhardt (* 1607 in Gräfenhainichen; † 1676 in Lübben), den Botaniker Christoph Jakob Trews (* 1695 in Lauf an der Pegnitz, † 1769 in Nürnberg) mit seinem bemerkenswerten naturkundlichem Tafelwerk „Hortus Nitidissimis Omnem Per Annum Superbiens Floribus Sive Amoenissimorum Florum Imagines“ („Der das ganze Jahr hindurch im schönsten Flohr stehende Blumen-Garten, oder, Abbildungen der lieblichsten Blumen“), gemalt u.a. von dem Botanik- und Blumenmaler Georg Dionys Ehret (* 1708 Heidelberg, 1770 Chelsea bei London). Eine Hommage an vergangene Tulipanleidenschaft.

Zuletzt: Wer sich frühlingsleicht von der Tulpen-Euphorie vergangener Jahrhunderte anstecken lassen will, dem sei das Karlsruher Tulpenbuch empfohlen. Oder besser noch: er setzt sie in die Praxis um mit einem Tulpenkauf bei A oder besser B (Blumengeschäft).

Nachsatz: Nein, das sollte keine Werbung für Blumenkäufe beim Discounter ein. Gift in Schnittblumen ist ein Thema wie Gift in billigen Kleidungsstücken und anderswo. Daher noch ein Link auf den Beitrag „Das Gift der Tulpen“ in der SZ. Womöglich ist meine plötzliche Tulpeneuphorie letztlich eine giftige und unvernünftige Neigung.

 18. März 2015  No Responses »
Feb 282015
 

Hortensien im Garten, verwelkt und verblichen … dürre Blütenstände, Zweigchen und Blätter rascheln im Wind … Filigrane Strukturen, Kugelform, beigefarbene Dolden … Noch ist die Mittagssonne kalt, der Lichteinfall läßt jedoch schon den nahen Frühling erahnen … Haseln blühen, Meisen in den Zweigen, erste Knospen da und dort …
Mein Blick verliert sich im Hortensienlaub. Ich versuche mich zu erinnern, welche Farbe sie im Sommer hatten. Rosa, weiß oder blau? Rilkes Gedicht „Blaue Hortensie“ fällt mir ein: „Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,/ Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:/ wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.“ Doch nur, wenn man das welke Laub mit der Vergänglichkeit in Verbindung bringt.
Ich erkenne in den welken Hortensien eher eine widerständige, stolze Kraft, ja fast schon gesammeltes Aufbegehren. Als wüssten sie, dass sie die Gartenpflanzen par excellence sind. Zumindest wenn man ihren Namen wortwörtlich nimmt: Hortensie kommt von lateinisch „hortensius“, zum Garten gehörend.
Fast könnte man zuspitzen: ein Garten ohne Hortensien ist gar kein Garten. Aber das würde nun doch etwas zu weit gehen.

Jan 212014
 

i_W_5_klVon der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson (1830-1886) stammt das Gedicht „This World ist not Conclusion“. Es fasziniert mich, weil die Dichterin darin unerschütterlich die Überzeugung vertritt, dass es mehr geben muss als nur diese Welt: etwas Absolutes, das auch über das hinausgeht, was die Philossophie zu begreifen sucht, eine „invisible, as Music -/But positive, as Sound – möglicherweise ein Leben nach dem Tod. Letztlich ein Rätsel.

Diese Haltung, von Dickinson ahnend und zweifelnd zugleich vorgetragen, war mir hilfreich, um mit weitem Blick neugierig alte Stationenwege selbst erfahren zu können. Sie eröffnete mir sinnenhaft Bezüge zu einer Form der Frömmigkeit, die sich vielen Betrachtern nicht mehr oder bestenfalls auf den zweiten Blick erschließt. Mein Fotobuch „This World is not Conclusion“. A Personal Pilgrimage ist der Versuch, Atmosphäre und Tiefendimensionen eines Stationenweg nachzuspüren. Es zeichnet fotografisch meinen Gang auf dem Kreuz- und Stationenweg zum Zeiler Käppele auf, den ich von 6 Uhr 40 bis 8 Uhr 22 am 24.Mai 2009 unternommen habe.

Anfangs faszinierte mich vor allem die enge Verbindung von Kultur und Natur, die dieses Stationenweg durch den Wald auszeichnet. Erst nach meiner „persönlichen Wallfahrt“ habe ich das Gedicht von Emily Dickinson wieder entdeckt. Es schien mir geeignet, um die über die traditionellen Sehgewohnheiten hinaus einen Kreuzweg erfahrbar zu machen. Während die Leidensgeschichte Christi als objektive  Bezugsgröße die Aussage eines Kreuzweg vereindeutigt, erlebte ich gleichsam mit Dickinson im Handgepäck einen persönlichen, subjektiven Bezug jenseits der Tradition.

Der Kreuzweg wird zum Rätsel, das dazu ermutigt, genau hinzusehen, die Stationen des Kreuzwegs unvoreingenommen zu erfahren. Zum einen die bildhauerische Umsetzung, teilweise schlicht und naiv, dann wieder elaboriert und mit einem eigenen Ausdruck. Zum anderen auch die Einbettung eines solchen Kreuzwegs in die Natur, die aus heutiger Sicht nicht mehr nur Staffage ist. Schließlich das Erleben von Verwitterungsprozessen, denen die Stationen aus Stein ausgesetzt sind: die Natur nimmt wieder Besitz von den Denkmälern, den kulturellen Zeitzeugen. Und darüber hinaus der Verweis auf das, was die unmittelbare Wahrnehmung überschreiten und steigern kann: die Wiederentdeckung  der Transzendenz als Möglichkeit tieferer Welterkenntnis.

Seitdem setze ich mich mit dem Thema Kreuz- und Stationenwege auseinander. Bin immer wieder auf diesen Frömmigkeitswegen unterwegs. Aufmerksam. Achtsam. Neugierig. Mit einem Gespür für das Numinose. Auf dem Foto ein Ausschnitt des Kreuzwegs in Hammelburg, Fotos von Zeil demnächst.

Mehr zu Emily Dickinson unter http://www.planetlyrik.de/emily-dickinson-biene-und-klee/2010/03/

Aug 032013
 

rost_klRandzonen, verlassene Industrieruinen, No-go-Areas faszinieren mich. Insbesondere die Transformations- und Verfallsprozesse, die dort sichtbar werden. Orte, wo Rost entsteht. Rost als Folge von Korrosion. Lack und Farbe sollen vor Rost schützen. Aber die Farbe hält nicht, der Lack blättert ab: Der Rost setzt sich durch. Rost ist Indikator von Vergänglichkeit.

In einer auf Hochglanz getrimmten Welt des schönen Scheins sind Rostspuren damit immer auch Provokation. Ein Störfall. Rost ist Sand im Getriebe, Anfrage an unser Lebensmodell, an unser Selbstverständnis.

Für mich öffnet Rost eine andere Welt. Indem man den Oberflächen zugesteht, dass sie ein Eigenleben haben, dass sie mit ihrer Umgebung, mit Wasser und Luft eine Verbindung eingehen dürfen, eröffnet Rost den  Zugang zum Lebendigen. Die scheinbar leblose Dingwelt darf sich verändern.

Die fotografisch festgehaltenen Rost- und Lackspuren zeugen auf den ersten Blick von Verfall und Vergänglichkeit. Aber eben nicht nur: Entwicklung, Veränderung, Bewegung, Leben wird sichtbar.  Zeit ist im Spiel: die Dinge entwickeln sich, bis dahin, dass sie das Zeitliche segnen.

Auf den ersten Blick könnte man von Antiästhetik sprechen. Die Rost-Fotografien wollen den Blick schärfen, zeigen, dass es sich lohnt, über vertraute Sehgewohnheiten hinauszugehen. Rost so verstanden öffnet symbolkräftig den Blick für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Und andere Veränderungsprozesse mehr.

Auf der Re-Art Two in Ihlienwort waren sechs Fotografien mit dem Titel  „Rost“ zu sehen. http://www.rearthalle.de/re-art-t-w-oo-2013/

 3. August 2013  No Responses »