Dez 292015
 

Fähre über den Main, Würzburg, am Steinbach, 1960

Das Foto ist eine Art „Missing Link“: Auf dem wiederentdeckten Foto aus der Sammlung meines Vaters ist die Mainfähre in Würzburg zwischen der Sanderau und dem Steinbachtal zu sehen. Entstanden um 1960 als Dia, jetzt eingescannt und in ein Schwarz-Weiß-Foto verwandelt. Es ist ein kleines Versatzstück der Erinnerung, an die Zeit der Kindheit, an meine Heimatstadt Würzburg und die 60er Jahre, aber auch ein realer „Link“ über den Fluss. Dort, wo heute ein Steg über den Main führt, war bis in die 70er Jahre die Überquerung des Flusses nur mit einer Personenfähre möglich.

Mich berührt das Foto, weil mir sofort der Geruch des Mains in den Sinn kommt, das Schaukeln des Kahns und das leichte Schaudern eines Kindes, das noch nicht schwimmen konnte. Gut, dass die Mutter dabei war, so ließen sich damals Gefahren bestehen. Bei der Überquerung des Flusses habe ich gerne eine Hand ins Wasser gehalten, in der Hoffnung, einen Fisch berühren zu können.

Auf dem Foto ist zu erkennen, dass der Fluss zwei Welten trennt, die aber irgendwie in Verbindung stehen. Auf der einen Seite ist das Ufer deutlich zu erkennen, das andere ist nur zu erahnen. Eine Brücke würde den Fluss leicht und irgendwie auch absolut überwinden. Fähren erzählen andere Geschichten: Fähren fahren nur, wenn es der Fluss erlaubt. Wenn die Strömung nicht zu stark ist oder der Fluss vereist ist. Etwas Vorläufiges spüre ich, auch eine gewisse Ehrfucht vor dem Fluss und seiner Welt. Womöglich auch vor der Unterwelt.

Wer wirklich auf der anderen Seite ankommen will, muss sich auf etwas einlassen. Auf eine kleine Reise. Nicht alle können mit, sondern müssen warten. Bis zur nächsten Überfahrt. Oder man muss doch den Umweg über die nächste Brücke nehmen. Die Fahrt mit der Fähre berührt tiefere Schichten: sie ist ein Übergangsritus, ein rites de passage.

 29. Dezember 2015  No Responses »
Aug 032013
 

rost_klRandzonen, verlassene Industrieruinen, No-go-Areas faszinieren mich. Insbesondere die Transformations- und Verfallsprozesse, die dort sichtbar werden. Orte, wo Rost entsteht. Rost als Folge von Korrosion. Lack und Farbe sollen vor Rost schützen. Aber die Farbe hält nicht, der Lack blättert ab: Der Rost setzt sich durch. Rost ist Indikator von Vergänglichkeit.

In einer auf Hochglanz getrimmten Welt des schönen Scheins sind Rostspuren damit immer auch Provokation. Ein Störfall. Rost ist Sand im Getriebe, Anfrage an unser Lebensmodell, an unser Selbstverständnis.

Für mich öffnet Rost eine andere Welt. Indem man den Oberflächen zugesteht, dass sie ein Eigenleben haben, dass sie mit ihrer Umgebung, mit Wasser und Luft eine Verbindung eingehen dürfen, eröffnet Rost den  Zugang zum Lebendigen. Die scheinbar leblose Dingwelt darf sich verändern.

Die fotografisch festgehaltenen Rost- und Lackspuren zeugen auf den ersten Blick von Verfall und Vergänglichkeit. Aber eben nicht nur: Entwicklung, Veränderung, Bewegung, Leben wird sichtbar.  Zeit ist im Spiel: die Dinge entwickeln sich, bis dahin, dass sie das Zeitliche segnen.

Auf den ersten Blick könnte man von Antiästhetik sprechen. Die Rost-Fotografien wollen den Blick schärfen, zeigen, dass es sich lohnt, über vertraute Sehgewohnheiten hinauszugehen. Rost so verstanden öffnet symbolkräftig den Blick für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Und andere Veränderungsprozesse mehr.

Auf der Re-Art Two in Ihlienwort waren sechs Fotografien mit dem Titel  „Rost“ zu sehen. http://www.rearthalle.de/re-art-t-w-oo-2013/

 3. August 2013  No Responses »
Jun 152013
 

Der Ausstellungsmacher und Galerist Samuel Fleiner, sagte zu mir nach seiner Ansprache zur Ausstellungseröffnung, dass er es etwas schwierig finde, dass ich in diesem Blog die Fotografien gleichsam erklären würde. Genau dies soll nicht der Fall sein. Aber in der Tat: dies ist die Gefahr eines Blogs, der auf eigene Fotografien eingeht. Zu viele Worte, die den Bildern gleichsam das Recht am eigenen Ausdruck nehmen. Und ich würde es sehr bedauern, wenn die Bilder durch die Worte eien Eindeutigkeit erhielten, die so nicht vorhanden ist.

Tatsächlich interessiert mich die Wechselbeziehung zwischen Fotografie und Wort: etwa das Verfahren des Schriftstellers Wilhlem Genanzino, der in seinem Werk „Aus der Ferne und Auf der Kippe: Texte zu Postkarten und Fotos“ (Hanser 2012) mit seinen Texten den Freiraum der Bilder durch seine Deutungen und assoziativen Geschichten vergrößert.

So sind auch die Anmerkungen zu meinen Fotografien gemeint: bestenfalls Deutung des Fotografen, aber keine Vereindeutigung. Kein erläuterndes Handbuch zu den Arbeiten, sondern Hinweise, die dazu ermutigen wollen, selbst Stellung zu nehmen.

 15. Juni 2013  No Responses »
Mai 132013
 

Waldspiegelung – Foto: Ralf Stieber

 

“Wie in einem Spiegel …”

Fotografien –  Interventionen – Konzeptkunst

Ralf Stieber

Haus der Begegnung, Bonn

23. Mai 2013 bis 2. August 2013

Vernissage am Donnerstag, 23. Mai 2013, 19 Uhr
Nach der Begrüßung durch Dr. Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, führt der Ausstellungsmacher und Galerist Samuel Fleiner in die Ausstellung ein. Die Vernissage wird von Jürgen Hiekel am Saxophon begleitet.

 

 13. Mai 2013  2 Responses »
Apr 202013
 

Fotographie ist Spiegelung der Außenwelt und zugleich Spiegelung der Innenwelt. Es braucht dazu keine Spiegelreflexkamera,  obschon diese Kamera-Bezeichnung so treffend das Verhältnis von Subjekt und Objekt auf den Begriff bringt: zum einen reflektiert der Spiegel die „Welt“ draußen, zum anderen aber hält er den Blick von innen nach draußen fest.

Lesenswert ist dazu das Buch von Ralf Konersmann: Lebendige Spiegel. Die Metapher des Subjekts ( Fischer Wissenschaft): „Die Geschichte neuzeitlicher Subjektivität, mit allen ihren Potenzen und Gefährdungen, findet sich in Literatur und Kunst in einer zentralen Metapher gleichsam kristallisiert: der Metapher des Spiegels. Der Spiegel verbildlicht nicht nur die Momente der Selbstanschauung, der Selbstvergewisserung und Selbstkontrolle, aus denen sich das moderne Subjekt überhaupt erst hervorbringt, sondern auch die unabwendbar damit einhergehende Verfälschung und Eintrübung, ja sogar die Möglichkeit des Zersplitterns in unzählige, einander aufhebende Perspektiven. Wie genau sich die Genese des abendländischen Subjekts aus der Geschichte dieser „Sprengmetapher“ herausbuchstabieren läßt, zeigt Konersmann … in seiner ‚Kleinen Geschichte der Spiegelmetapher‘. Ergänzende hermeneutische Untersuchungen zu Kleist und Goethe veranschaulichen, wie das Subjekt allmählich auch des eigenen fiktionalen Charakters innewird: Der Raum (hinter )dem Spiegel ist unendlich fern.“ (Beschreibung bei amazon)

Damit wird auch ein wesentlicher Aspekt von  Fotografie berührt. In Anlehung dazu: Es geht in der Fotografie auch immer um das Selbst und die Anderen und das Andere: Anschauung, Vergewisserung und Kontrolle des Anderen, des Fremden. Selbst- und Fremdwahrnehmung (!). Auch die scheinbar „objektive“ Wahrnehmung des Anderen bringt das Subjekt hervor. Auch hier ist die „einhergehende Verfälschung und Eintrübung“ systemimmanent, allerdings schafft der Blick durch die Kamera nicht nur Zersplitterung, sondern eröffnet Perspektive und Perspektiven.

Das Selbst und das Andere werden in Beziehung gesetzt über die Fotografie. Draußen und drinnen, Außen und Innen, Subjekt und Objekt, Vertrautes und Fremdes beziehen sich aufeinander.

 20. April 2013  No Responses »