Nov 122016
 

„Unbegrenzte Macht verliert ihr Amoralisches auch dann nicht, wenn sie höchst moralisch ausgeübt wird. Kommt eine unreine Sache in reine Hände, so kann das nur zur Folge haben, dass die Hände schmutzig werden, nicht die, dass die Sache sauberer wird“.
Und: „Abel, wenn er vor den Mordabsichten seines Bruders Kain geflohen wäre, wäre ‚Emigrant‘ geschimpft worden und hätte als solcher bittere Unannehmlichkeiten zu erdulden gehabt. Er wäre sein Leben lang in der Welt herumgelaufen mit dem Abel-Zeichen auf der Stirn.“

Die beiden Zitate stammen von Alfred Polgar, nachzulesen in dem 1954  unter dem Titel „Im Lauf der Zeit“ rororo-Taschenbuch 107 mit ausgewählten Geschichten und Aphorismen (S. 163 u. 137).   Polgar (geb. 1873 in Wien, gest. 1955 in Zürich) schrieb für die „Wiener Zeitung“ und ab 1925  für Carl von Ossietzkys  „Weltbühne“, das Berliner „Tagebuch“ und das Prager Tagblatt. 1933 floh er vor den Nazis – wie Brecht – zunächst nach Prag. „Für den österreichischen Juden, den linksliberalen Antifaschisten Polgar war im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz“, schreibt Ulrich Weinzierl, zusammen mit Marcel Reich-Ranicki Herausgeber der Werke Polgars (in: DNB, Band 20). Eine Odyssee als Flüchtling begann, über Zürich, Paris, Marseille, Portugal bis nach Hollywood … ein Thema für sich.

Namensgleichheit – ein Zufall?

Die kleine Entdeckung am Rande ist für mich die Namensgleichheit mit dem 1976 veröffentlichtem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Der Film „handelt von einer Freundschaft zwischen zwei Männern: Bruno alias ‚King of the Road‘ (Rüdiger Vogler) repariert Filmprojektoren und bereist mit seinem LKW eine Route entlang der deutsch-deutschen Grenze, und der Psychologe Robert alias ‚Kamikaze‘ (Hanns Zischler) ist auf der Flucht vor seiner eigenen Geschichte“ (http://wimwendersstiftung.de/film/im-lauf-der-zeit/).

Ob Wenders Polgar gelesen hat?  Polgar schreibt in seinem Essay „Denkmal des unbekannten Menschen“ über Filmemacher: „Was macht den Menschen zum Objekt öffentlicher Meinung? … Ungewöhnliches Erleben oder ungewöhnliche Leistung. … Eine Ausnahme machen da nur Film- und Theaterleute. Sie sind die einzigen Lebewesen, deren Arbeit allein deshalb schon, weil sie getan wird, vor breiter Öffentlichkeit Beachtung findet.“ Er plädiert für ein Buch mit dem Titel „Menschheit in Einzeldarstellungen, kollaborativ verfaßt“. Darin sollen die Namenlosen Beachtung finden: Hier würden nur Namen von solchen geannt, die sich keinen gemacht haben.“ Und weiter: „Hier fänden Außenseiter, … die Künstler ohne Kunst, die Waldmenschen, die im Dickicht der Kultur, die Gottfopper und die von ihm Überfoppten, die großen Abenteurer ohne Erlebnis, die auf der Flucht vor sich selbst als brilliante Schnellläufer Erkannten, die himmlisch unbegabten Genies, kurz wirklich interessante Leute fänden hier, ohne die trügerische Hilfe von Roman- und Dramenschreibern, Asyl, das ihre Erscheinung vorm Vergessenwerden, vor dem ‚gefräßigen Regen‘ der Zeit behüten würde.“

Geistesverwandtschaft

Sicherlich könnten die unbekannten Menschen, Außenseiter, Flüchtlinge und Antihelden aus Wenders Filmen zu der von Polgar angedachten Denkmal-Sammlung beitragen. In seinen Filmen und Fotografen  jedenfalls stellt sich Wenders „in die Brandung vergehender Zeit“, so David Kothenschulte in der „Frankfurter Rundschau“ 2015 über Wenders zu dessen 70. Geburtstag. Zumindest scheint es eine geistige Verwandtschaft zu geben: „Seine Schwarzweißfilme ‚Im Lauf der Zeit‘ und ‚Der Stand der Dinge‘ verteidigten die Schönheit des schon damals vom Aussterben bedrohten Zelluloidfilms gegenüber dem beginnenden Videozeitalter“ (Kothenschulte).

Und selbst wenn die Namensgleichheit der beiden Werke von Polgar und Wenders nur zufällig sein sollte: Eine Randbemerkung im Lauf der Zeit ist sie doch wert, wie mir scheint.

 12. November 2016  No Responses »